


Der Weg windet sich um einen Felsen, links fällt das Gelände steil ab. Dazwischen drei Meter Platz. Die freie Sicht ist atemberaubend. Für mich. Mein Mann hingegen verliert in solchen Momenten buchstäblich den Boden unter den Füssen. Seine Knie werden weich, die Beine gehorchen nicht mehr. Als würde sein Körper beschliessen, aus der Situation auszusteigen. Auch wenn die Passage eigentlich völlig unspektakulär ist – sein Kopf schlägt Alarm. Ein klassischer Fall von Höhenangst.
Im Fluchtmodus
Ich habe mich längst daran gewöhnt, denselben Weg wieder zurückzugehen. Wir kehren auch diesmal um. Gutes Zureden hilft nicht. Wenn die Panik aufsteigt, schaltet mein Mann in den Fluchtmodus und dreht um. Mir bleibt dann nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Wir haben mittlerweile einige Wanderungen, die wir nur zur Hälfte gegangen sind.
Gute Planung ist das A und O – würde man meinen. Mein Mann durchforstet oft tagelang das Internet, liest Wanderblogs und scannt Höhenprofile, als stünde eine Expedition zum Mars bevor. Touren, bei denen «Schwindelfreiheit erforderlich» steht, streichen wir gleich ganz. Und doch: Ein gewisses Restrisiko lässt sich nicht rausrecherchieren. Ein unerwartet ausgesetzter Pfad, ein offener Blick in den Abgrund – und die Angst ist da. Schlagartig. Dann hilft kein Handreichen, kein «Es sind doch nur fünf Meter». Dann bleibt nur noch: umdrehen.
Aber wir lieben das Wandern. Aufgeben? Kommt nicht infrage. Also frage ich mich: Wie lässt sich mit dieser Angst leben – oder vielleicht sogar wandern?
Warum der Kopf plötzlich schwindelt
Höhenangst ist ein uraltes Schutzprogramm. Unser Gleichgewichtssystem verlässt sich auf drei Informationsquellen: Augen, Gleichgewichtsorgan und Tiefensensoren in Muskeln und Gelenken. Gerät eines davon aus dem Takt – etwa, wenn die Augen in der Höhe keinen festen Bezugspunkt mehr finden –, schlägt das System Alarm. Der Körper reagiert mit Adrenalin, der Puls schiesst hoch, die Beine werden weich. Kurz gesagt: Der Körper will weg, das Hirn ruft «Gefahr!».
Menschen mit Höhenangst nehmen diese Diskrepanz besonders stark wahr. Schon der Blick in die Tiefe reicht, um das innere Gleichgewicht zu stören.
Wege aus der Angst
Es gibt verschiedene Strategien, um der Angst die Stirn zu bieten. Die Psychologie setzt meist auf Konfrontationstherapie. Höhencoach David Elsasser geht diesen Weg: Er begleitet Betroffene in eine reale Angstkonfrontation auf exponierten Wanderwegen, auf Hängebrücken oder beim Klettern. Der 48-jährige Innerschweizer sagt: «Meine grösste Motivation ist es, unseren Trainingsteilnehmenden das erlösende Gefühl weiterzuvermitteln, das ist selbst einmal erleben durfte, als ich mich von meiner Höhenangst befreien konnte.»
Eine andere Methode verspricht Unterstützung im Unterbewusstsein: Hypnose. Statt sich der Angst aktiv zu stellen, wird sie quasi eingeladen, auf die Couch zu kommen – während man selbst tiefenentspannt durch die eigenen Gedankenlandschaften spaziert. Da ich selbst Hypnosesitzungen erlebte und ihre Wirkung erstaunlich fand, lässt sich mein Mann darauf ein. Wir treffen den diplomierten Hypnosetherapeuten Paolo Giannoni in Thun. Seine Praxis ist liebevoll eingerichtet – ohne Couch, dafür mit zwei bequemen Liegesesseln.
Verbundenheit
«Die für Angst zuständige Hirnregion, die Amygdala, schaltet bei Gefahr in den Fight-or-Flight-Modus – was bei echter Bedrohung ja sinnvoll ist. Bei Höhenangst aber ist die Reaktion übersteigert», erklärt der Hypnosetherapeut. «In der Hypnose versuchen wir, diese automatische Fluchtreaktion zu unterbrechen – und den Kontakt zu den eigenen Ressourcen wiederherzustellen.»
Der 62-Jährige nennt sich selbst augenzwinkernd «Der Angstspezialist». In seiner Praxis kommen Menschen mit unterschiedlichen Sorgen – Höhenangst, Flugangst oder einfach mit dem Wunsch, sich innerlich stabiler zu fühlen. Nach einem Gespräch beginnt die Hypnose: Mein Mann lehnt sich zurück, schliesst die Augen. Paolo spricht leiser und lenkt die Aufmerksamkeit nach innen: auf eine imaginäre Wanderung mit dem Unterbewusstsein.
Hypnose funktioniert oft über solche inneren Landschaften. Der Körper ist reglos, aber die Vorstellungskraft darf sich frei bewegen. Genau dort kann Veränderung entstehen. Trotz des tiefen Entspannungszustands bleibt der Klient jederzeit ansprechbar, kann reagieren, sprechen, nicken. Wehrlos hypnotisierte Menschen sind ein Bild aus alten Fernsehshows – mit Hypnosetherapie hat das nichts zu tun. Am Ende der Hypnosetherapie drückt Paolo meinem Mann ein Fläschchen mit Zirbenduft in die Hand. Der harzige Geruch soll den während der Hypnose gesetzten «Anker» verstärken und soll ihn an das Gefühl der Verbundenheit mit der Erde und mit sich selbst erinnern.
Zurück am Berg
Ein paar Wochen später stehen wir auf demselben Weg. Ob wir wieder umkehren müssen? Nach einer Stunde erreichen wir die Stelle. Mein Mann setzt sich für eine Minute auf einen Stein, riecht an dem Fläschchen mit Zirbenduft. Dann steht er auf. Ich halte den Atem an.
Schritt für Schritt umrundet er den Felsen. Er geht weiter, auch als der Weg schmaler und der Abgrund steiler wird. Mit wackeligen Beinen erreicht er wieder sicheres Terrain. Er hat es geschafft! Wir umarmen uns.
Die innere Reise hat ihm gezeigt, dass er nicht seine Angst ist, dass sie nur ein Teil von ihm ist – ein Teil, der sich beruhigen lässt. Ich freue mich. Und denke an all die Wanderungen, die wir bisher nur zur Hälfte kennen. Jetzt beginnt der zweite Teil.
Paolo Giannoni bietet seit mehreren Jahren Hypnosetherapie sowie Kurse über Selbsthypnose und gewaltfreier Kommunikation in seiner Praxis in der Thuner Innenstadt. Mehr über ihn und sein Angebot unter → www.paolo-giannoni.ch
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